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Der Wolf, das Gesetz und der Tod

Foto von Hans Veth auf unsplash.com
Foto von Hans Veth auf unsplash.com

Täuschungen, Lügen und die Herstellung von spitzfindigen Wahrheitskonstruktionen begleiten den Verlauf der Geschichte und sind heute beliebter denn je, insbesondere bei einem Herrschaftstypus, der bei vollständiger Ignorierung seiner Mitwelt einem unheilbaren Narzissmus verfallen ist - ob gering an Wuchshöhe oder mit einer gewagten Senioren-Frisur.

 

Gerät staatliches Handeln in eine Krise, die nicht gelöst werden kann oder deren Lösung unerwünscht ist, weil sie Machtinteressen und wirtschaftlichen Gewinnen entgegensteht, beginnt eine Suche nach den Schuldigen. Einzelne Menschen, Gruppen, Völker oder Nationen werden schnell gefunden und für eine Krise, die sie eben nicht verschulden, verantwortlich gemacht. Beliebte Vorurteile, Xenophobie und andere Irrationalitäten werden als moralische oder juristische Rechtfertigung missbraucht. Eine Auflistung der betroffenen Menschen ist in jedem Geschichtslexikon zu finden, eine Archivierung anderer Lebewesen, die ihre Stimme nicht erheben können, erarbeitet die zeitgenössische Geschichtsschreibung bei ihrer Erforschung globaler und ökologischer Zusammenhänge.

 

Der Verdacht liegt nahe, dass das Vorhaben, den Wolf in das Bundesjagdgesetz zu übernehmen, ein populistischer Versuch der derzeitigen Regierung ist, um von ihrer enttäuschenden Klima- und Naturschutzpolitik abzulenken. Juristisch gesehen ist der Wolf als nach europäischem Standard artengeschützte Tierart im Naturschutzgesetz gut aufgehoben und das sollte so auch bleiben, um einen mühsam errungenen Rechtsstatus nicht aufzuweichen und zu entwürdigen. Die sogenannten Ausnahmefälle, also die gezielte Entnahme von Problemtieren, sind im Bundesnaturschutzgesetz bereits geregelt.

Die Rückkehr des Wolfes ist ein großer Erfolg des Naturschutzes und ein anschauliches Beispiel für die Anpassungsfähigkeit einer Tierart. Es sollte dies Anlass genug sein, um sich umweltpädagogisch und kulturhistorisch mit einer Tierart zu beschäftigen, die lange Zeit bis in unsere Tage als Bestie verunglimpft wird, obwohl sie im Verhalten und im Aufbau ihrer gesellschaftlichen Strukturen dem Menschen sehr ähnelt. Der Zoologe Josef Reichholf vermutet sogar, dass es in der Frühzeit der Menschheit Kooperationen von Wölfen und Menschen gab, um den lebenswichtigen Jagderfolg zu sichern.

 

Ist der Wolf ein Symbol für den gelungenen Naturschutz, so ist die Weidetierhaltung ein wertvoller Beitrag für eine ökologische Landwirtschaft und für die Pflege und den Erhalt einer naturnahen offenen Kulturlandschaft. Es gilt, beides in Einklang zu bringen durch eine enge, unbürokratische Zusammenarbeit der Naturschutzbehörden und der Weidetierhalter. Schutzzäune und Hüte-Hunde haben in Kombination mit dem gut funktionierenden Monitoring der Wolfsbeauftragten in den letzten Jahren für einen Rückgang der Weidetier-Risse um 25 % gesorgt. Eine zielgerichtete Verwendung öffentlicher Gelder könnte dieses Ergebnis noch erheblich verbessern und wäre verglichen mit anderen Subventionszahlungen sehr preiswert. Das Gleiche gilt für Ausgleichszahlungen für gerissene Tiere. Leider ist die Weidetierhaltung zwischenzeitlich deutlich zurückgegangen, Schuld aber ist nicht der Wolf, sondern bürokratische Hürden und eine Wandlung im Verhalten der Konsumenten. Unterläge der Wolf dem Jagdrecht, käme eine gravierende Beeinträchtigung hinzu: eine generelle Jagd auf Wölfe zerstört das streng geordnete Familiengefüge und die Jagdstrategie der Tiere, in Folge dessen könnten Risse wieder vermehrt auftreten.

 

In unserer Region hat es bislang nur vereinzelte Wolfssichtungen gegeben; wegen der hohen Straßendichte mit einem entsprechenden Verkehrsaufkommen ist davon auszugehen, dass sich ein Wolfsbestand nicht etablieren kann.

 

Gelänge es endlich, Klimaschutz und Naturschutz in Form einer Wiederbewaldung, ob in unserer Region oder in anderen Landesteilen, zu verbinden, würde dem Wolf die Aufgabe zufallen, das Gleichgewicht eines natürlichen oder naturnahen Waldes wiedereinzurichten und zu erhalten. Die einstige Zusammenarbeit von Mensch und Wolf bei der Jagd vor Tausenden von Jahren fände eine moderne Fortsetzung für eine nachhaltige Zukunft.

 

Kurt Sasserath – NABU Mönchengladbach